Ringelnatz Zitate und kurze Verse
- Joachim Ringelnatz (1883 - 1934) -
Herkunft: Wurzen, Deutschland
Joachim Ringelnatz war ein deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler, der vor allem für humoristische Gedichte um die Kunstfigur Kuttel Daddeldu bekannt ist.
Joachim Ringelnatz erster Gedichtband für Erwachsene, Gedichte (1910), wurde von ihm selber im Rückblick kritisch gesehen: „Gedichte, wie sie von Tausenden junger Schwärmer gedichtet werden“. Es sind ernste, sentimentale Gedichte in der Tradition der Romantik, besonders Heinrich Heines.
In seiner zwei Jahre später erscheinenden Sammlung Die Schnupftabaksdose ist der Ton völlig verändert: Ringelnatz schreibt groteske Unsinnspoesie. Einige der Gedichte gehören zu seinen bis heute bekanntesten: Die Schnupftabaksdose, Ein männlicher Briefmark erlebte, Die Ameisen und Logik. In den meist kurzen, durchgehend gereimten Gedichten werden Dinge belebt (Briefmarken, Knöpfe, Gläser) und können Tiere wie in der Fabel sprechen (Ameisen, Quallen, Elefanten). Bereits den zeitgenössischen Rezensenten fiel die Ähnlichkeit mit den Gedichten Christian Morgensterns auf. Ringelnatz beteuerte, bei der Niederschrift seiner Verse die Lyrik Morgensterns noch nicht gekannt zu haben. Bereits hier verwendet Ringelnatz eine lakonische, ungekünstelte Alltagssprache; diesen Stil wird er bis zum Ende beibehalten.
1920 veröffentlichte Ringelnatz seine bedeutendsten Gedichtsammlungen: Joachim Ringelnatzens Turngedichte und Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Leid. Die Turngedichte, die tatsächlich hauptsächlich das Thema Sport behandeln (Turnen mit und ohne Geräte, Ringen, Laufen, Fußball, Boxen), parodieren und karikieren in virtuos gehandhabten Versen in verschiedensten Reimarten, Verslängen und Metren, mit Neologismen und absichtlich falsch angewandter Grammatik die ideologisch-völkische Ausrichtung des Sports nach Turnvater Jahn. Die ironischen Gedichte wurden (auch dank eines anscheinend ernsten Vorwortes) von der „Monatsschrift für Turnen, Sport und Spiel“ für bare Münze genommen und scharf verurteilt: „Vor dem Ankauf des anmaßlichen Machwerks sei gewarnt.“
In Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Leid und dem folgenden Lyrikband Die gebatikte Schusterpastete stellte Ringelnatz die Figur Kuttel Daddeldus vor: In langen Erzählgedichten mit sehr frei gehandhabtem Vers werden die haarsträubenden Abenteuer dieses Seemanns präsentiert, der keine Manieren hat, ungehemmt seinen obszönen Augenblicksgelüsten nachgibt, ständiger Bordellgast ist und wahllos Gewalt anwendet. Die Kuttel Daddeldu-Texte wurden große Erfolge, auch weil sie zu Ringelnatz´ ständigem Kabarettrepertoire gehörten.
Die folgenden Gedichtbände entfernen sich immer mehr von der grotesken, anarchistischen Unsinnspoesie der ersten Bücher. Ringelnatz schreibt parabelhafte Gelegenheitsgedichte von seinen vielen Tourneereisen, philosophische Gedankenlyrik manchmal melancholischen Grundtons mit Ratschlägen zur Lebensbewältigung (zu großen Ernst zerstört Ringelnatz jedoch durch oft überraschend unpassende komische Schlusswendungen). Diese Gedichtbänden, zu denen Olaf Gulbransson Einbandillustrationen verfertigte, hatten großen Erfolg und wurden von Kurt Tucholsky und Kurt Pinthus positiv rezensiert.
Ringelnatz' Novellenband Ein jeder lebt's (1913) versammelt 12 Erzählungen, die in traditioneller, manchmal impressionistisch beeinflusster Sprache oft sentimentale Ausschnitte aus dem Leben verschiedener Menschen präsentieren. Die Helden sind Einsame, Sonderlinge, aus dem bürgerlichen Leben Gefallene, vor allem Träumer. Seine Sammlung von 12 Kriegsgeschichten (Die Woge, 1922) verwendet dieselbe Sprache, der Ton schwankt jedoch zwischen unreflektierter patriotischer Begeisterung bis an den Rand der Kolportage und ernüchterter Beschreibung des Kriegsgeschehens.
1924 veröffentlicht Ringelnatz zwei Bücher in radikal anderem Stil: Das eine ist ein kurzer Großstadtroman (...liner Roma...), das andere eine Sammlung von elf Grotesken (Nervosipopel), die mitunter sehr gewollt und an den Dadaismus erinnernd tradierte literarische Formen wie das Märchen grotesk und absurd verfremden. ...liner Roma... arbeitet fünf Jahre vor Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz mit Montage-Technik, präsentiert die Großstadt als eigentliche Hauptperson des Buches, die die Menschen bewegt und lenkt, vermittelt das Abgehetzte und Verstörende der Metropole durch die Verweigerung eines linearen, nachzuvollziehenden Erzählflusses. Das ganze Buch ist wie der Titel ([Ber]liner Roma[ne]) nur ein Ausschnitt, da ein Ganzes nicht mehr darstellbar ist.
Ringelnatz' hat fünf autobiographische Bücher verfasst. In ihnen beschreibt er betont sachlich und kunstlos, oft im Tagebuchstil und gegen sich selber schonungslos, sein Leben und insbesondere seine Irrtümer. Das harte Leben der Matrosen wird ebenso realistisch geschildert wie der oft stumpfsinnige, undurchschaubare Alltag im Krieg.
Ringelnatz´ dramatischen Werken war kein Glück beschert. Unsicher in der Form (den Flieger hat Ringelnatz in Versen abgefasst), oft sentimental und konstruiert wurden sie fast alle von den Theatern und Verlagen abgelehnt. Alfred Kerr urteilte über Ringelnatz´ Stück Die Flasche: „Lieber Joachim Ringelnatz, eine Filmfabel zu erfinden ist nicht genug für ein Drama. Und einen Umriss bieten nicht genug für einen Film.“
Ringelnatz, der ein großer Kinderfreund war, hat fünf Kinderbücher veröffentlicht. Die frühen sind freundliche, gereimte Fabeln und Unsinnsverse in der Tradition etwa seines Vaters. Dagegen stehen die beiden Bände Geheimes Kinder-Spiel-Buch mit vielen Bildern (1924) und Geheimes Kinder-Verwirr-Buch mit vielen Bildern (1931) einzig da in der Kinderliteratur. In Gedichtform gibt Ringelnatz den Kindern Anweisungen für völlig unpädagogische Spiele: Sie sollen Tiere quälen, die Wohnung verschmutzen und Möbel zerstören, aus Exkrementen Klöße kneten und anschließend mit dem Mund auffangen, Bomben bauen (mit Benzin und Feuer!), andere Kinder anspucken, mit Salzsäure experimentieren und die Eltern mit angeblichen psychischen Erkrankungen ängstigen. Stellen die Eltern die Kinder dann zur Rede, empfiehlt Ringelnatz Lügen und Ausreden.
Das Geheime Kinder-Verwirr-Buch ist milder, doch auch hier finden sich neben harmlosen Unsinnsversen ungewöhnliche Verse: Ringelnatz verrät den Kindern, dass der Storch nicht die Kinder bringt, erzählt ihnen, dass Blähungen in der Badewanne Freude machen, erzählt Balladen von unheimlichen Hexenkindern und kinderfressenden Kannibalen, rät den Kindern sich gegen Erwachsenengewalt zu wehren („Fünf Kinder genügen, / Um eine Großmama zu verhauen“[23]) und verrät ihnen, was die Eltern im Schlafzimmer tun.
Das erste Buch war Gegenstand einer Verfügung des Polizeipräsidenten von Berlin: Da das Buch „die sittlichen Auffassungen der Kinder in einem Sinne, der als durchaus verderblich bezeichnet werden muss“, beeinflusse, habe der Verlag das Buch als für Erwachsene bestimmt zu kennzeichnen. Bis heute werden in der Germanistik die Fragen nach den Adressaten (wirklich Kinder oder doch eher Erwachsene?) und der Intention (ernstgemeinte Anarchie oder Ironie?) der Bücher kontrovers diskutiert.
Teile des Nachlasses befinden sich im Besitz des Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar. Die private Nachlassverwaltung liegt in den Händen von Norbert Gescher, dem Sohn von Leonharda Ringelnatz in zweiter Ehe.
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